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Jugendstil

Vor einem Jahrhundert wurde Rīga, ebenso wie andere europäische Städte, vom Jugendstil überrascht, der als Architektur- und Lebensstil aus dem Drang nach Schaffensfreiheit und ästhetischer Vollkommenheit hervorging. Der Jugendstil lernte von der Natur, freute sich über Blütenblätter, Ornamente, gebogene und wellenartige Linien, schwärmte für antike Schönheit, fantasierte über Sphinxen, Kondore und wachende Hunde und ließ Rīga schöner, geheimnisvoller und herausfordernder aussehen. Schauen Sie nach oben und entdecken Sie die schönsten europäischen Jugendstil-Gebäude.

40 Prozent der Gebäude des Rigaer Zentrums sind Jugendstil-Gebäude. Dies ist mehr als in anderen europäischen Städten. Die Architektur- und Kunstkenner sind der Meinung, dass gerade hier der Jugendstil mit einer besonderen Kraft und Ausmaß zum Ausdruck gekommen ist. Um die Altstadt und die Holz- und Jugendstilarchitektur für die nächsten Generationen zu erhalten, wurde das historische Stadtzentrum als Weltkulturerbe der UNESCO anerkannt. Der Jugendstil (in Deutschland „Jugendstil”, in Frankreich „Art Noveau”, in Spanien „Modernismo”, in Österreich „Sezessionsstil”, in Italien „Stile Liberty” oder „Stile Floreale”) entstand in Europa an der Wende des 19.

und 20. Jahrhunderts und setzte seinen Siegeszug bis zum Ersten Weltkrieg fort. Es handelt sich um einen ornamentalen Stil, der durch gebogene Linien, asymmetrische Kompositionen und unregelmäßige Linien gekennzeichnet ist. Seine Hauptmotive sind Natur, antike Kunst und Mythologie. Der Jugendstil in der Architektur wird durch die funktionale Bauweise und die reichlich geschmückte Fassade zum Ausdruck gebracht. Dies wurde mit allen möglichen Mitteln der Baukunst erreicht, der Form der Fenster- und Türöffnungen, mit Erkern, Reliefs, Skulpturen, ornamentalen Linien, Flächen und Vitragen. Typisch für den Jugendstil ist aber nicht nur die Fassade, sondern die Gesamtgestaltung, deshalb beinhaltet die „Jugendstil-Architektur” auch das Interieur, Geschirr und sogar die Garderobe der Hausbewohner.

Lettland hat zum Jugendstil ein ganz besonderes Verhältnis, denn genauso wie in Skandinavien, insbesondere in Finnland, war der Jugendstil mit der Steigerung des nationalen Bewusstseins verbunden. Gerade in der Ausführung des Jugendstils wurden die Werke der ersten lettischen professionellen Künstler bewertet und anerkannt. Die Perlen des Rigaer Jugendstils sind zu der Zeit entstanden, als die „Provinz” des russischen Imperiums, Riga, seinen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Damals lebten in Rīga gut gebildete Unternehmer und Ingenieure, die ihre Studien in St. Petersburg, Moskau und anderen europäischen Metropolen abgeschlossen haben. Diesen gelang es, deutsches, russisches und jüdisches Kapital hierher zu bringen. Gleichzeitig waren von ihren Studien junge Künstler zurückgekehrt, voller Hoffnungen und Ambitionen. Deshalb kannte die Fantasie der Architekten Konstantīns Pēkšens und Wilhelm Bockslaff und die Einfälle des Bauingenieurs Michael Eisenstein (Vater des legendären Filmregisseurs Sergei Eisenstein) keine Grenzen, die Fassaden der Gebäude wurden mit dekorativen Elementen überfüllt, über die Gesimse wurden Obelisken, Sphinxen, Löwen, Vasen, Blumen und vieles andere angeordnet, das den Überfluss und die Lebensfreude charakterisierte.

Der lettische Jugendstil ist eng mit dem nationalen Romantismus verbunden, deshalb sind in vielen Gebäuden nicht nur der für Europa charakteristische Dekorativismus, sondern auch Hinweise auf lettische Werte zu ersehen. Die Autoren der Gebäude im Stil des nationalen Romantismus, Eižens Laube und Jānis Frīdrihs Baumanis, werden noch immer als Bahnbrecher der nationalen Kultur angesehen.

Die Orte, an denen der Jugendstil am Schönsten zum Ausdruck kam, sind die Albert-Straße und das sich in seiner Nähe befindliche Botschaftsviertel. Bekannte Beispiele für den Jugendstil sind natürlich auch anderswo zu sehen, in Altriga, in der Brīvības-Straße und sogar in Āgenskalns (über dem Fluss Daugava). Die Gebäude in Rīga haben die Jugendstilgebäude anderer lettischen Städte übertroffen, z. B. wurden in Liepāja nicht nur Wohnhäuser im Jugendstil, sondern auch Fabrikgebäude gebaut.

Jugendstil-Fans sollten unbedingt das Rigaer-Jugendstilmuseum besuchen, das sich in der Wohnung des Architekten Konstantīns Pēkšēns befindet. Das Haus in der Alberta-Straße Nr. 12 wurde von ihm projektiert. Vom Treppenhaus bis zum Geschirr im Gästezimmer - alles wurde im Jugendstil entworfen. Im Museum kann man sich in den Rigaer Jugendstil vertiefen und viel Überraschendes entdecken. In Lettland lebt und wirkt ein weltweit hoch geschätzter Jugendstil-Experte, der Architekt Jānis Krastiņš.

Gehen Sie nicht einfach so an ihnen vorbei:

In Rīga gibt es ungefähr 800 Jugendstilgebäude. Die meisten davon befinden sich im Zentrum von Rīga, in der Albert-Straße und in dem sogenannten „Stillen Zentrum“, im Botschaftsviertel, wo ein jedes Gebäude sehenswert ist. Blicken Sie nicht nur auf die Straße und in die Schaufenster, wenn Sie durch Rīga gehen. Schauen Sie nach oben und erblicken Sie einzigartige Architektur.

Hier die interessantesten Jugendstil-Gebäude:

  • Audēju-Straße 7, Altriga (1899, A. Ašenkampfs, M. Šervinskis). Das erste Jugendstilgebäude in Rīga mit den charakteristischen stilisierten Pflanzenmotiven (Iris, blühende Bäume, Rohrkolben) und Masken.
  • Audēju-Straße 9, Altriga (1900, K. Pēkšēns). Das Gebäude hat ein interessantes, für den Jugendstil charakteristisches Sonnenmotiv, welches das neue Leben symbolisiert.
  • Teātra-Straße 9, Altriga (1903, H. Šēls, F. Šēls). Dieses Gebäudes schmücken die mythologischen Gestalten Athena und Hermes. Das Schönste an dem Gebäude sind die Atlanten, die auf ihren Schultern die aus Glas und Zink hergestellte Erdkugel halten. Diese wird am Abend beleuchtet.
  • Vaļņu-Straße 2, Altriga (1911, E. Frīzendorfs). Besonders schön ist das Eingangsportal mit den beeindruckenden skulpturalen Reliefs. Die Gestalten aus altgriechischer Mythologie wurden aus Kupfer hergestellt. Asklepius (Gott der Gesundheit) und die Moira Atria (die Schicksalsgöttin) symbolisieren den Lauf des menschlichen Lebens, Gesundheit und Arbeit.  
  • Smilšu-Straße 2, Altriga (1902). Dieses Gebäude ist eins der besten Beispielen der Rigaer-Jugendstilarchitektur. Die Fassade schmückt ein Pfau, ein Symbol der Schönheit und des Selbstbewusstseins. Die Herma unter dem Erker wird als die schönste Frauengestalt in der Rigaer-Jugendstilarchitektur angesehen.  
  • Smilšu-Straße 8, Altriga (1902, H. Šēls, F. Šēls,). Ein Gebäude, das reich mit Masken, hybriden Gestalten und Pflanzenelementen geschmückt ist. Die beiden Portale schmücken die für den Jugendstil charakteristischen melancholischen Frauengestalten mit geschlossenen Augen. Der Schmuck im Korridor beim Eingang wird von Fachleuten als ein Beispiel der ornamentalen Jugendstil-Formen angesehen.
  • Tērbatas-Straße 15/17, Zentrum (1905, K. Pēkšēns). Eines der ersten Rigaer Gebäude im Stil des nationalen Romantismus mit einer ausdrucksvollen Silhouette, bei derer architektonischen Gestaltung verschiedene Baumaterialien verwendet wurden. Der Tuffstein in der Fassadegestaltung stammte auf Wunsch des Auftraggebers von den Bruchstücken des Staburags.
  • Brīvības-Straße 47, Zentrum (1909, E. Laube) Ein Denkmal des nationalen Romantismus mit einer dynamischen Komposition, mit in verschiedenen Höhen angeordneten Erkern, mit steilen betonten Dachflächen, hohen Giebeln und einer konusartigen Ecke.
  • Elizabetes-Straße 10a un 10b, Zentrum (1903, M. Eizenšteins). Die Gebäude werden von ungewöhnlich vielen üppigen Jugendstil-Ornamenten geschmückt. Das in mehreren dekorativen Elementen einbezogene Blätterfeder-Motiv im Gebäude Nr. 10a erinnert an den Arbeitsplatz von M. Eisenstein, er war Leiter der Straßenabteilung im Vorstand des Vidzeme-Gouvernements. Im Gebäude Nr. 10b wird besonders die Komposition der Masken, Pfauen, skulpturalen Köpfe und geometrischer Figuren im Fassaden-Kranz betont. Die Fassadeflächen in den oberen Etagen sind mit blauen keramischen Fliesen bedeckt. Das Treppenhaus ist üppig geschmückt.
  • Alberta-Straße 4 (1904, M. Eizenšteins). Das eleganteste und künstlerisch originellste Gebäude des eklektisch dekorativen Jugendstils. Über dem Sims befinden sich drei Medusenköpfe mit zum Schreien geöffneten Mündern (ein ähnliches Motiv gibt es im Gebäude der Wiener Sezession). Die Fassade endet mit Adler- und Löwenfiguren und ist mit geflügelten Löwenreliefs bedeckt. Das im Zentrum des Gebäudes befindliche beflügelte Relief mit einem Frauenkopf symbolisiert Sonne und Schutz.
  • Strēlnieku-Straße 4a, Botschaftsviertel (1905, M. Eizenšteins). Das Gebäude ist ein Beispiel des eklektischen, extrem dekorativen Jugendstils. Es ist sehr reich geschmückt. Die traditionelle historische Form wird von Jugendstilmotiven in verschiedenen Kombinationen geschmückt.
  • Vīlandes-Straße 10, Botschaftsviertel (1908, K. Pēkšēns). Ein Gebäude im Stil des nationalen Romantismus mit einer asymmetrischen Fassadenkomposition. Der Putz ist in verschiedene Farben und Formen gestaltet. Schauen Sie auf die Reliefs mit den klassischen Sujets, tanzenden Mädchen mit Blumen und Weintrauben. Der Eingang des Gebäudes ist in der Form eines Schlüsselloches gestaltet.
Zuletzt aktualisiert: 
18.12.2014