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Die Kirchen der Altgläubigen

Die Gemeinschaft der Altgläubigen gehört zu den am besten integrierten religiösen und ethnischen Gruppen in Lettland. Durch die Jahrhunderte hindurch hat sie die lettische Kultur bereichert und eine unzertrennbare Verbindung zwischen den Menschen zweier Völker gebildet. Nicht umsonst werden die Altgläubigen liebevoll als Russen von Latgale oder von Lettland bezeichnet. Ihre alten und kleinen aus Holz gebauten Kirchen, die als tiefe Dankbarkeit über die vom Gott gegebenen Möglichkeit in Frieden und Harmonie zu leben gebaut wurden, sind ein untrennbarer Bestandteil der Kulturlandschaft von Latgale.

Wegen des Glaubens Verfolgten

Nach der Zersplitterung der russisch-orthodoxen Kirche in Russland im Jahr 1666 waren viele Gläubige mit den neuen Reformen nicht zufrieden. Diese betrafen nicht nur den formalen Ausdruck des Glaubens, sondern haben auch wesentlich die Überlegungen über die patriarchalische Macht geändert (Es wurde z. B. eine bischöfliche Institution geschaffen, die von vielen als ein künstliches Gebilde aufgefasst wurde). Diese Gläubigen haben die bestehenden Kirchenrituale weitergepflegt, nämlich, die Altorthodoxie und haben sich in geschlossene Gemeinschaften zusammen geschlossen. Die Altgläubigen bzw. Starovery wurden sowohl von der russisch-orthodoxen Kirche als auch von der zeitlichen Regierung verfolgt (bis 1905 wurden sie im Russischen Imperium offiziell als Abspalter bezeichnet und den Repressalien unterworfen). Erst im Jahr 1971 hat das Patriarchat von Moskau offiziell die Verwünschung der Altgläubigen „als nicht gewesen” verkündet).

Durch die Verfolgung und den Terror waren die Altgläubigen gezwungen eine Unterkunft weit weg von den Augen des Zaren und des Patriarchen zu suchen. Viele Menschen haben ihre neue Heimat vorwiegend in Sibirien und im Baltikum gesucht. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts haben sich in Latgale, die damals zum Polnisch-Litauischen Staat gehörte, die ersten Gemeinschaften der Altgläubigen niedergelassen. Das erste Gotteshaus der Altgläubigen wurde in Lettland im Dorf Liģinišķi an der Daugava (in der Umgebung von Daugavpils) gebaut. Die ersten Starovery waren die Fedossejewzy, die Nachfolger des Diakons Feodosij, hauptsächlich Flüchtlinge aus den Gebieten von Nowgorod und Pskow, die die Lehre vom bevorstehendem Ende der Welt und der Ankunft des Antichristen verkündeten. Die Mehrheit der Altgläubigen zählen sich zu der Richtung der Pomorern, die im Unterschied zu den radikalen Nachfolgern der Fedossejewzy, z.B. die Notwendigkeit der Ehe anerkennen.

In der Vorkriegszeit gab es in Lettland 87 Gemeinden der Altgläubigen und zu den Altgläubigen zählten sich mehr als 100 000 Einwohner Lettlands. Zurzeit sind in Lettland 46 Gemeinden der Altgläubigen registriert, in der Umgebung von Viļāni ist noch eine Gemeinde der Fedossejewzy tätig.  In Lettland haben sich die Gemeinden in die Altorthodoxe Pomorische Kirche zusammengeschlossen.

Das Eindrucksvollste in der Welt

Das grösste Gotteshaus der Altgläubigen in Lettland befindet sich in Riga, in dem Stadtteil Maskavas forštate. Wenn man vom Stadtteil Pārdaugava über die Brücke Salu tilts fährt, ist die goldene „Zwiebel” auf der Spitze des Jugendstilturmes nicht zu übersehen. Der „Grundstein der Idee” für das weisse, stattliche Grebenščikow-Gebetshaus der Altgläubigen in Riga und für den Kloster wurde im Jahr 1760 gelegt ... wie für eine Scheune. Im Laufe der Jahrhunderte hat es byzantinische Züge und vier Stockwerke erhalten. In den Jahren 1905/1906 gebaute gerade Glockenturm mit seiner vergoldeten Zwiebelkuppel erhielt jedoch Züge des Jugendstils. Während der Sowjetzeit waren im Kloster Wohnungen eingerichtet. Heutzutage befindet sich im Gebäude ein grosser Gebetssaal mit Ikonostas, mehrere Säle für festliche Zeremonien, Wohnungen für Geistliche und Kirchendiener, sowie Räume für das Studium der Kultur und Geschichte der Altgläubigen. Die Grebenščikow-Gemeinde der Altgläubigen ist die grösste Altgläubigen-Gemeinde auf der Welt, sie zählt ungefähr 25 000 Starovery, die Gott dienend die alten Traditionen weiter pflegen und alte Gesänge singen. Das Gebetshaus besitzt eine reichlich verzierte Ikone aus 15. bis 19. Jahrhundert, eine Bücher und Handschriftensammlung. Zu Gedenken an das 250 Jubiläum der Gründung der Grebenščikow-Gemeinde wurde ein prachtvolles Buch und Fotoalbum in vier Sprachen herausgegeben.

Das Einladende von Latgale

Die meisten Gebetshäuser der Altgläubigen befinden sich in Latgale. In Anbetracht der historischen Situation sind die meisten Gebäude sehr klein, weil diese sich von den Wohnhäusern nicht unterscheiden durften, darum besitzen sie oft keine Glocken oder keinen Kirchturm. Ungeachtet ihres unbemerkbaren Äusseren sind einigen von denen jedoch echte Perlen der sakralen Kunst. Leider sind die Gotteshäuser der Altgläubigen, die sich oft abseits von grossen Strassen und in den Dörfern, wo vorwiegend viele alte Menschen leben, befinden, von Dieben begehrt. Darum wird es nicht immer möglich sein, all das Wertvolle und das Originelle zu sehen. Zum Beispiel wurden einige Ikonen, viele wertvolle sakrale Malereien und Gegenstände durch Kopien oder Fotographien ersetzt. Man sollte eine Tatsache beachten, dass Starovery traditionell eine in sich geschlossene Gemeinschaft bilden, darum ist ihr Gotteshaus nicht jeden Tag geöffnet und nicht jedem Interessierten zugänglich. Wenn Sie den Besuch aber im Voraus anmelden oder sie werden Sympathien in den Augen der „alten Frauen” (lett. „tantītēm”) (die aktiven Mitglieder der Gemeinde, die fleissig über die Ordnung im Gotteshaus und für das Wohlsein des Geistlichen Leiters sorgen) gewinnen, wird Sie das Gesehene wirklich überraschen.

Wir empfehlen Ihnen folgende Gotteshäuser. In der Nähe der Stadt Preiļi befindet sich das Gotteshaus der Altgläubigen-Gemeinde Moskvina (Maskjāņi), das 1873 zu Ehren der unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes und für St. Nikolai gebaut wurde. Wegen seiner hervorragenden Gesänge war dieses Gotteshaus seinerzeit eines der bekanntesten im ganzen Baltikum. Die Gesänge man auch heutzutage während der Gottesdienste an Samstag Abenden oder an Sonntagen hören. Im Gebetshaus befinden sich 200 Jahre alte Ikonen, Leuchter und 200 Jahre alte Kirchenglocken. Die Altgläubigen-Gemeinde in Štikāni, in der Gegend von Rēzekne, wurde schon 1700 gegründet, als die Mehrheit der Dorfeinwohner den Familiennamen Štikāni getragen hat. Das erste Gebetshaus war ein kleines Meisterwerk aus Holz, aber wegen der angezündet gebliebenen Kerzen ist in der Nacht ein Brand ausgebrochen und es brannte nieder. Das neue Gebäude haben die Gebrüder Uljans und Epifans Rogozini gebaut. Im türkisfarbigen Gebetshaus von Štikāni befindet sich ein wertvolles Kunstgegenstand – das Evangelium.

Ein ganzes Dorf

Um die Lebensweise der Altgläubigen näher kennen zu lernen, ist es empfehlenswert die ethnographische Freilichtabteilung des Heimatmuseums von Naujene zu besuchen – das Altgläubigenhaus "Slutišķu vecticībnieku māja". Das Dorf von Slutišķi befindet sich am rechten Ufer der Daugava, in dem Gebiet von Naujiene des Bezirks Daugavpils. In den historischen Dokumenten wird Slutišķi als Dorf schon im Jahr 1785 erwähnt, darum kann man hier am besten die Bautraditionen der Bauernhäusern kennen lernen. Die Grundlage aller Gebäude bildet ein rechteckiges Blockhaus, das mit einem zweistufigen oder einem vierstufigen Dach abgeschlossen wird. Der Verputz und das Dekor der Häuser sind mit den Bautraditionen bei den slawischen Völkern verwandt. Sie kommen in den Hausfassaden in prachtvoll verarbeiteten Fensterrahmen, bei verzierten Türen und Türöffnungen zum Vorschein, bei deren Auswahl die reiche Vorstellungskraft der Baumeister mitgewirkt hatte: die prachtvoll verzierten Fensterrahmen und Karnisen wiederholen sich nicht, weil die Baumeister bei der Herstellung der Fensterrahmen immer an die Individualität des Hauses gedacht haben.

Altgläubige in Kurzeme

Die Gemeinden der Altgläubigen sind nicht nur ein unabdingbarer Bestandteil von Riga, Daugavpils und Latgale. Die Gemeinden der Starovery sind auch in mehreren Städten und Dörfern von Vidzeme und Kurzeme tätig. Zum Beispiel die Hl. Dreifaltigkeitskirche der Altgläubigen in Liepāja ist in das Verzeichnis der geschützten Denkmäler des Landes aufgenommen worden. Dieses Anfang 20. Jahrhunderts gebautes Gebäude ist das einzige in Kurzeme, das seine ursprüngliche Rolle erhalten hat – es wurde schon damals als Gebetshaus der Altgläubigen gebaut und ist das einzige Gotteshaus der Altgläubigen mit sieben Kuppeln.