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Evangelisch-Lutherische Kirchen

Die Evangelisch-Lutherische Konfession ist eine der drei grössten Konfessionen in Lettland. Die Evangelisch-Lutherische Kirche von Lettland umfasst 292 Gemeinden, vorwiegend in Kurzeme, Zemgale und Vidzeme. Die Kirche ist einer der grössten Grund- un Gebäudeeigentümer in Lettland. Zusammen mit all den Gemeinden besitzt die Kirche mehr als 1000 Eigentümer, deren Wert an die hundert Millionen Lats geschätz wird. Viele Gotteshäuser der Lutheraner sind bedeutende Architekturdenkmäler und Sammler der sakralen Kunst.

Nachdem die Kirche in römisch-katholische und protetantische Kirche aufgesplittert wurde, geriet Lettland als ein viele Jahre unter dem Einfluss der deutschen Kultur bestehendes Land im 16. Jahrhundert, als in Deutschland die Reformation begonnen hatte, in die Einflusssphäre der Reformation und der Lutherischen Kirche. Die ersten evangelisch-lutherischen Gemeinden in Riga entstanden im Jahr 1521 in der  Hl.-Petri-Kirche unter der Leitung von Andrejs Knopkens und im Jahr 1522 in der St.-Jacobs-Kirche unter der Leitung von Silvester Tegetmeier.

Beide Herren waren die ersten evangelischen Pfarrer in Riga und in ganz Livland.

Die eindrucksvollen Gotteshäuser von Riga

Die Geschichte der evangelisch-lutherischen Kirche ist kaum von der Geschichte der Gotteshäuser der katholischen und russisch-orthodoxen Kirche zu trennen. Durch die Jahrhunderte hindurch hat in vielen Kirchen abwechselnd die eine oder die andere Konfession geherrscht. Es genügte nur mit einem Regierungswechsel und abhängig von der offiziellen Religion der Regierung, wechselte auch die Hilfe für die eine oder die andere Kirche, es folgten Vorschläge zur anderen Konfession überzugehen u.ä.

Als ein gutes Beispiel dient der Dom von Rīga, der die Kathedrale des Erzbischofs der evangelisch-lutherischen Kirche von Lettland ist und sowohl für Touristen zur Besichtigung geöffnet ist als auch als Konzertsaal genutzt wird. Die phänomenale Akustik in den Gewölben der alten Kirche und die wertvolle Orgelmusik hat den Rigaer Dom zu einem weltberühmten Konzertsaal werden lassen. DerGrundstein vom Dom wurde am 25. Juli 1211 gelegt, bis zum heutigen Tag haben sich im Dom viele Zeugen von seiner mittelalterlichen Innenausstattung erhalten. Die Weltberühmtheit hat der Rigaer Dom in den Jahren 1883/1884 mit der von der Firma E. F.Walcker&Co gebauten Orgel erhalten, die als eine der wertvollsten historischen Orgeln auf der Welt anerkannt wurde.

Der höchste Turm in der Altstadt von Riga gehört allerdings der St.-Petri-Kirche. Bis zum Zweiten Weltkrieg zählte der Turm zu den höchsten Holzbauten in Europa (120,7 m).

Beeindruckende Gotteshäuser von Kurzeme

In Kurzeme gibt es viele schöne evangelisch-lutherische Gotteshäuser. Die eindrucksvollsten Ausdrücke der Handwerkertraditionen dieses Gebietes werden als besondere Schule von Kurzeme genannt. Die Holz geschnitzten Gegenstände - angefangen von Sitzbänken in den Kirchen bis zu den aufwendigen und feinen Holzschnitzereien - Wand- und Deckenmalereien, Skulpturen ohne dabei die Orgelprospekte zu vergessen, die in einem perfekten Manierismus-, Barock- oder Rokokostil ausgeführt wurden, werden jeden, der die schweren Türen dieser äusserlich zurückhaltenden Gotteshäuser öffnet, überraschen.

Im Zentrum der Stadt Liepāja befindet sich eine der schönsten Kirchen des späten Barocks in Lettland – die evangelische Dreifaltigkeitskirche von Liepāja (1742-1758). Die Kirche besitzt eine prachtvolle barocke Innenausstattung, hier gibt es 1100 Sitzplätze, der Kirchturm ist 55 m hoch und die Kirche verfügt über die grösste historische Orgel in Lettland (131 Register, vier Manuale, mehr als7.000 Pfeifen – bis 1912 war sie die grösste Orgel in der Welt), die auch heutzutage klingt. In der evangelischen St. Annakirche, im ältesten Gotteshaus von Liepāja (zum ersten Mal in den Dokumenten 1508 erwähnt), ist eines der hervorragendsten Meisterwerke der Holzschnitzerei aus der Barockzeit beherbergt – der 1697 gebaute Altar von Nikolas SēfrenssJunior, dem Holzschnitzer aus der Schiffbaufabrik in Ventspils. Der Stolz dieser Kirche ist ihre Orgel – die drittgrösste in Lettland.

Die St. Katharina-Kirche in Kuldīga wurde in den Dokumenten erstmals im Jahr 1252 erwähnt, doch im Laufe der Jahrhunderte hat sie mehrere Brände erlitten und wurde mehrmals umgebaut. Die St. Katharina-Kirche war als Gotteshaus für die Hofleute der ersten Haupstadt des Herzogtums Kurland-Semgallen Kuldīga (dt. Goldingen) vorgesehen. Der Altar und die Kanzel der Kirche, die in der Zeit von 1660 bis 1663 von Nikolass Sēfrenssdem Ältesten, dem berühmten Holzschnitzer aus Ventspils, zusammen mit dem Tischler Engeleins Tisensangefertigt wurden, sind hervorragende Meisterwerke im Manierismusstil. Der Autor des prachvollen Orgelprospekts (gebaut in der Zeit von 1712 bis 1715) ist Kornēlijs Rāneuss-Cornelius Räneuss der Jüngere.

Weit weg vom Stadtrummel entfernt befindet sich im Bezirk von Aizpute von den Bäumen umgeben die kleine Kirche von Apriķi, die auf Grund ihrer prachtvollen Innenausstattung als Perle von Kurzeme bezeichnet wird. Die Innenausstattung, an derer Entstehung mehrere einheimische Maurer, Baumeister und Holzschnitzer mitgewirkt haben, wurde als eines der prachtvollsten Beispiele des Barock- und Rokokostils im Baltikum anerkannt. Der älteste Gegenstand der Innenausstattung ist der im Jahr 1710 angefertigte Balkon, auf dem die Orgel zu sehen ist. Der Balkon wird von zweiblau gefärbten Säulen, die mit Christus- und Apostelnfiguren verziert sind, gestützt. In den Nischen sind 1.20 m hohe aus Holz geschnitzte 14 Apostel- und Heiligenfiguren aufgestellt. Die Herrenloge ist reichlich mit Holzschnitzereien verziert, gemalt in blauer, weisser und goldener Farbe. Besonders schön ist die im Rokokostil gebaute Kanzel, die mit aus Holz geschnitzten Blumen und Akantusblättern verziert ist und von einem Engel mit gehobenen Armen gehalten wird. Im Zentrum des Altars befindet sich Kruzifix, an dessen beiden Seiten sich vier mit Blütengirlanden verzierte Säulen der Korinthischen Ordnung befinden, zwischen denen Skulpturen der Heiligen Maria und Heiligen Magdalena aufgestellt sind. Die Malereien an der Decke machen die Innenausstattung der Kirche von Apriķi noch prachtvoller – die zwischen den Wolken schwebenden allegorischen Figuren der Tugend. Wenn man den Blick darauf richtet, kommt es vor, als ob man zu einer Erleuchtung erlangt.

Eine weitere Perle von Kurzeme ist die Ende 17. Jahrhundert gebaute lutherische Kirche von Ugāle (27 km von Ventspils entfernt, in der Nähe der Hauptstrasse Rīga-Ventspils). Der barocke Altar, die Kanzel und der Beichtstuhl wurden im Jahr 1698 vom Rigaer Künstler Johann Daniel Schaua (lettisch: Johans Daniels Šaua) gebaut, doch der prachtvolle Orgelprospekt (1697-1701) wurde vom Michael Markvart(lettisch: Mihaels Markvarts) aus Ventspils gebaut. Die grossen, plastischen Akanthusblätter, Blumengirlanden des Prospekts mit den saftigen Früchtezusätzen und runden musizierenden Engeln verkörpert den Barockstil und gleichzeitig auch die Fülle der künstlerischen Individualität des Autors.

Die Kirche von Kurzeme ... in Riga und der Turm ohne Kirche

Wenn Sie für das Reisen durch Lettland etwas weniger Zeit geplant haben, können Sie einen Eindruck über die evangelisch-lutherische Kirchen von Kurzeme auch in Riga gewinnen, indem Sie das Ethnographische Freilichtmuseum besuchen. Seit 1935 erhebt sich hier die im Jahr 1704 gebaute lutherische Kirche, die von den Ufern des Usma- Sees ins Museum hinübergeführt wurde. Neben dem Eingang der Kirche sind Strafpfosten und Strafbank aufgestellt worden, diefür das Bestrafen von unfolgsamen Bauern vor der Kirche vorgesehen waren. Solche Strafbänke und Strafpfosten waren in Lettland sehr verbreitet und zählten bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum ständigen Inventar der Kirche.

In Jelgava wird jedoch bald der während des Zweiten Weltkrieges zerstörte Kirchturm der Hl. Dreifaltigkeitskirche erneuert, in dem ein Tourismuszentrum, eine Dauerausstellung und ein Café eingerichtet werden. Die deutsche evangelisch-lutherische Dreifaltigkeitskirche war die älteste Kirche in Jelgava (1574-1625), als auch die erste neu aufgebaute lutherische Kirche in Europa. Der Kirchturm wurde von 1660 bis 1688 im Stil des frühen Barocks gebaut, zu dem achteckigen Glockenturm kam die Kirche erst 200 Jahre später. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche mit ihrer Innenausstattung vernichtet und bis heute haben sich nur der älteste Teil des Kirchturms und das Tor der Kirche erhalten, das bis zum heutigen Tag als ein stummer und erbärmlicher Zeuge der verloren gegangenen Pracht von Jelgava im Zentrum der Stadt gestanden ist.

Die Eigentümlichkeit der lutherischen Kirchen von Vidzeme

Die St. Johannes-Kirche in Cēsis ist die grösste mittelalterliche Basilika ausserhalb von Riga – eine 65 m lange und 32 m breite dreischiffige Basilika, die am westlichen Ende von einem massiven 65 m hohem Glockenturm mit einer 15 m hohen gotischen Turmspitze eingeleitet wird. Die Basilika hat 1.000 Sitzplätze. Im Mittelteil des Altars ist das Altargemälde "Pieta” des berühmten estnischen Künstlers Johannes Köhler (lettisch: Johans Kēlers) zu sehen, das mit dem Winter 1858 datiert ist. Von dem Altargemälde wurden mehrere Kopien angefertigt, die sich im Stephansdom in Wien, in der  Isaakskathedrale und in der schwedischen Kirche inn. Am Anfang des 20. Jahrhunderts wurde dieses Gemälde als eines der teuersten Altargemälde in Lettland geschätzt. Heutzutage finden hier Konzerte weltberühmter Chöre und der Orgelmusik statt, darunter zählt auch das Internationale Festival der jungen Orgelspieler. Vom Kirchturm aus eröffnet sich der Blick auf den 40 km weit entfernten Hügel „Zilais kalns”; die Türschweller der Kirche liegt genau 100 Meter über dem Meeresspiegel.

Die eindrucksvollen Ausmasse des Altarraumes der 1283 gebauten Sankt-Simons-Kirche in Valmiera verleiten zur Annahmen, dass die Kirche mit einer Absicht gebaut wurde, damit der Bischof hier Gottesdienste zelebrieren kann. Die massiven Wände (ohne Gegenstützen) und die dicken Stützen (niedrige achteckige Pilaster) zeigen auf die Zugehörigkeit des Gebäudes zum romanischen Stil. Die Innenausstattung der Kirche wird von wertvollen barockalen Malereien an der Kanzel und Orgel (um 1730) verziert, als auch das von Heinrich Andreas Conziuss (lettisch: Heinrihs Andreas Konciuss) und Johannes Andreas Stein(lettisch: Johannes Andreas Šteins) (1752-1921) Orgelprospekt (1780-1783). Berachtung verdient auch das Altargemälde von K. Fogels–Fogelstein(lettisch: K.Fogels-Fogelšteins)"Kristus kārdināšana" (1842).

Die Kirche von Krimulda (befindet sich zwischen den Ortschaften Turaida und Ragana) ist eine der ersten Kirchen in Livland. Sowohl von Aussen als auch mit ihrer Innenausstattung hebt sich sie nicht mit ihrer Pracht hervor, doch ihr echtes Reichtum ist ihre frühere Geschichte. Im Jahr 1205 liess der Pfarrer Alobrants eine Kirche in der von Liven bewohnten Ortschaft Kubesele in der Nähe der abgebrannten Burg von Kaupo (der Häuptling der Liven, nach dem er zum christlichen Glaube ist, ging zum Römischen Papst) bauen. Heutzutage ist auf der Burgruine von Kubesele ein Pfarreigutshof aufgebaut worden, doch am Fusse der Burgruine befindet sich ein Hügel, der als Grabstätte von Kaupo bezeichnet wird. Doch diejenigen, die sich nicht für die frühe Geschichte der baltischen Volkes interessieren, können den Ring der Meditation besuchen – das Labyrinth der Kirche von Krimulda, das zu Beginn des 13. Jahrhunderts in Frankreich nach dem Beispiel des auf dem Fussboden der Kathedrale in Chartres eingearbeiteten Labyrinths gestaltet wurde.

In der Nähe von Cēsis, in der Gemeinde von Taurene befindet sich im Stil des Blockhauses gebaute Kirche von Lode bzw. von Apši, die auf dem Heiligenort der Heiden aufgebaut wurde. Auf diesem Platz wurde die Kirche in den 20er Jahren des 17. Jahrhunderts gebaut. Der Nordische Krieg (1700-1721) und die Pest dienten als Anlass, die Kirche von Lode in den Akten der Visitation in das Verzeichnis der 28 zusammengebrochenen Gotteshäusern von Vidzeme aufgenommen. Im Jahr 1728 wurde mit der finanziellen Hilfe des Patrons, dem Gutsherren von Lode Adolf Hermann Bolto von Hohenbach (lettisch: Ādolfs Hermans Bolto fon Hoenbahs), eine neue Kirche aus Eichenholz errichtet, die im Laufe der Zeit zu einer schönen Innenausstattung, Orgel und einer in Deutschland gegossener Glocke kam.

Zuletzt aktualisiert: 
24.09.2014