A+
Beta

Geschichte der Seefahrt

Das Leben von Lettland, wie das sich einem Küstenstaat gehört, ist seit Jahrhunderten mit dem Meer verbunden. Letten sind hervorragende Schifffahrer und –bauer gewesen. Wenn auch viele regierende Mächte es Lettland verboten haben, zur See zu fahren, verfügten Letten sogar über eine nationale Seefahrtsschule.

Die Geschichte der lettischen Seefahrt ist interessant und spannend und darüber hinaus kann man ihre Zeugen in der Natur finden und besichtigen. Schon seit dem 9. Jahrhundert waren die auf lettischem Territorium lebenden baltischen Stämme aktive Seefahrer, Händler und sogar Seeräuber: die kurländischen (lettisch: Kurzemes) Plünderer hatten sogar den alten skandinavischen Wikinger-Völkern Angst eingejagt. Das, mit welchen Schiffen man vor knapp zehn Jahrhunderten über die Ostsee geschifft hat, kann man beim Besuch des Rigaer Geschichts- und Seefahrtsmuseums (lettisch: Rīgas Vēstures un kuģniecības muzejs), in dem sich das in den Ausgrabungen der Rigaer Altstadt gefundene sog. Rigaer Schiff (um den 12. Jh. erbautes Eichholz-Segelschiff) befindet, sehen.

Die Seefahrt auf dem lettischen Territorium blühte dank der günstigen geographischen Lage zur Zeit der Hanse, insbesondere zur Zeit des Herzogtums Kurland (lettisch: Kurzemes hercogiste) auf. Damals wurde das kleine Herzogtum Kurland zu einem reichen europäischen Land, das erfolgreich Handel betrieb, in der Industrie tätig war, sogar zwei Kolonien (Tobago in Südamerika und Andrews-Fort in Gambia) besaß. Herzog Jakob (lettisch: Hercogs Jēkabs) sorgte dafür, dass in dieser Zeit im Herzogtum Kurland mehrere Hunderte von Segelschiffen gebaut wurden, unter anderem bauten die kurländischen Meister 27 Schiffe in Frankreich und sechs Schiffe in England. Leider wurde die ganze Seeflotte des Herzogs Kurlands von dem Großen Nordischen Krieg (1700 – 1721) vernichtet.

Die Seefahrt in Lettland erwachte mit der Abschaffung der Leibeigenschaft im 19. Jahrhundert zum neuen Leben, als einer der eminentesten Vertretern der Jungletten Krišjānis Valdemārs die lettischen Küsteneinwohner dazu bewegte, Hochseeschiffe zu bauen und eine Seefahrtsschule zu gründen. Seine Aufrufe fanden offene Ohren und für die lettische Seefahrt fingen goldene Zeiten an. Es wurden mehr als 500 Hochsee-Segelschiffe gebaut und neue Häfen eingerichtet: Hafen von Ainaži, Hafen von Pāvilosta, Hafen von Roja und Hafen von Salacgrīva.

Sehr interessant ist die Tatsache, dass das erste lettische Segelschiff über den Atlantischen Ozean 1870 schiffte und die Schiffsmannschaft aus Einheimischen bestand, die für die Schifffahrt benötigten Kenntnisse im Selbstlernverfahren bei den Schifffahrten der Ostseeküste entlang angeeignet haben. Am 23. November 1864 wurde die Seefahrtsschule von Ainaži gegründet. Für ihre Erfolge spricht die Tatsache, dass jährlich ca. 30 gut ausgebildete Steuermänner und Kapitäne die Schule absolvierten, die ihre Arbeitsplätze auch bei den weltweit größten Seefahrtsgesellschaften bekamen. Heute befindet sich in Ainaži das Museum der Seefahrtsschule von Ainaži, in deren alten Garten eine Ankersammlung zu sehen ist.

Bedauerlicherweise hat der Erste Weltkrieg fast vollständig die lettische Flotte vernichtet, ein ähnliches Schicksal hat die Flotte auch im Zweiten Weltkrieg erlebt. Jedoch sind aufschlussreiche Zeugen der goldenen Zeiten von der Seefahrt in Lettland bis zum heutigen Tag erhalten geblieben, z. B. die Leuchttürme an der Ostseeküste. Insgesamt gibt es in Lettland mehr als zehn Leuchttürme. Besonders erwähnenswert ist der Leuchtturm Miķeļbāka bzw. Miķeļtornis, der der höchste Leuchtturm (65 Meter) im Baltikum ist und der einen lohnenden Ausblick bietet. Jedoch, um mit dem schönen Ausblick belohnt zu werden, müssen zuerst 293 Stufen bewältigt werden.  Der paar Kilometer weiter liegende Leuchtturm auf der Landspitze Ovišrags ist der älteste funktionierende Leuchtturm Lettlands. Der 38 m hohe massive Turm wurde 1814 erbaut. Nennenswert ist der Leuchtturm von Užava, der sich durch seine Lage auszeichnet. Der Leuchtturm von Užava liegt sehr nah am Meeresrand auf einer höhen Düne, von dem Einspülen in die Ostsee bewahren ihn eindrucksvolle Wellenbrecher. Ein besonderer Leuchtturm ist der Leuchtturm von Slītere im Nationalpark Slītere. Das Interessante an diesem Leuchtturm ist, dass er sich nicht an der Küste befindet, sondern 5 km von der Küste entfernt bzw. auf dem Steilhang von Zilie kalni (deutsch: Blauen Berge). Daher, auch wenn die Höhe des Leuchtturmes nur 22 m beträgt, liegt sein Navigationslicht am Höchsten in Lettland bzw. 98 m über dem Meeresspiegel! Der Leuchtturm vom Kap Kolka (lettisch: Kolkas rags) wurde auf einer Sandbank in der Ostsee, 6 km vom Ufer entfernt, gebaut. Der Kap Kolka ist für die Seefahrer immer sehr gefährlich gewesen. Am Kap Kolka sind schon einige Schiffe versunken, die des Öfteren vom Sturm als Wracke ans Ufer getrieben wurden. Beachtlich ist auch der Leuchtturm von Mērsrags, dessen Turm seinerzeit in Frankreich angefertigt wurde.

Den Atem der Geschichte von Seefahrt spürt man beim Besuch der kleinen Fischerdörfer und –häfen. Im Küstenland von Kurland sind die Bauten der Fischerdörfer aus dem 18. und 19. Jh. erhalten geblieben, insbesondere in Pape, wo in dem Ķoniņciems von Pape eine Filiale des Freilichtmuseums („Vītolnieki”) eröffnet wurde, die einem das ehemalige Leben der Fischer näher bringt. Es lohnt sich, die Livländische Küste (lettisch: Lībiešu krasts) zu besuchen, in der die Fischerdörfer echte Denkmäler damaliger spezifischen Bauweise sind.

Die Geschichte der Seefahrt kann man auch in mehreren Museen kennenlernen. Die Geschichte des Hafens von Ventspils entdeckt man im Museum von Ventspils, das sich in der Ordensburg von Ventspils befindet. Sehenswert ist das Museum von Liepāja, das sich in einem prachtvollen Gebäude in Kūrmājas prospekts 16/18 befindet. Eine spannende Ausstellung gibt es im Seefahrtsmuseum von Roja, die die Entwicklung des Schiffbaus und der Seefahrt in der Region Talsi darstellt. Die Ausstellung über die Geschichte von Saka und Pāvilostaund das Leben der Küstenseefahrer findet man in dem Heimatmuseum von Pāvilosta(lettisch: Pāvilostas novadpētniecības muzejs) in Dzintara ielā 1. Einen Einblick in das Leben von der Küste Livonien (lettisch: Vidzeme) und der Fischer der Salaca kann man sich im Museum von Salacgrīva verschaffen.