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Die Geschichte Lettlands

„Ich bin reich, ich besitze alles, was ich erlebt habe” – so sagte der lettische Dichter Maris Caklais (Māris Čaklais). Allerdings ist die Geschichte Lettlands in den paar hundert Jahren seiner Existenz so reich an zahlreichen, unterschiedlichen Ereignissen, dass man sich wundern muss, dass Lettland überhaupt noch besteht, dass das lettische Volk sowie die lettische Sprache erhalten geblieben sind und die Letten trotzdem einen eigenen Staat haben! 

Lettland hatte immer enge historische Verbindungen zu Deutschland. Die Welt diskutiert über die Globalisierung erst seit den letzten Jahrzenten, Lettland jedoch erlebte diese schon vor mehr als 700 Jahre, als das Gebiet Lettlands wegen seiner vorteilhaften geographischen Lage im Interesse sämtlicher benachbarten Großmächte lag. Diese wurden von einander sowie auch von Lettland abhängig, aber Lettland auch von ihnen. Lettland stand immer im Mittelpunkt bedeutender Ereignisse, es fiel sowohl an die Deutschen und Polen als auch an die Schweden und Russen.

Diese Großmächte haben unser Land durch zahlreiche Kriege verwüstet, jede Macht brachte ihr Herrschaftssystem und ihre Sitten mit, aber Lettland existierte weiter, lebte sein eigenes Leben, indem es von jeder Kultur das Beste übernahm und somit zu einer der entwickeltesten Regionen Osteuropas wurde.

Die Wurzeln Lettlands und des lettischen Volkes sind in der Zeit zu finden, als neuntausend Jahre vor unserer Zeitrechnung die das Gebiet Lettlands bedeckenden Gletscher schmolzen. Dann kamen die ersten Bewohner, aber später besiedelten die  baltischen Stämme dieses Gebiet - die Vorfahren der Letten, Litauer und Preußen. Lettland galt als Handelskreuzung, entlang seines größten Flusses Daugava erstreckte sich der alte und bedeutende Handelsweg von den Wikingern zu den Griechen. Eine Vorstellung vom Leben der Balten können Sie auch heute noch bekommen, z. B. im archäologischen Museumspark  Araisi – auf einer kleinen Insel im See befindet sich eine wiederaufgebaute Siedlung der alten Lettgallen aus dem 9. Jahrhundert.

Die alten  baltischen Stämme (Kuren, Semgallen, Lettgallen, Selonen) waren keine friedlichen Ackerbauern, sondern ziemlich gute Krieger und Seefahrer. Die Kuren, die die kurländische  Küste besiedelten, waren sogar gefährlichere Plünderer wie die Wikinger. Nicht umsonst ist in einer dänischen Kirche die Inschrift aus dem 9.–13. Jahrhundert zu lesen: „Gott, beschütze uns vor der Pest, Feuer und vor den Kuren!”.

Im 12. und 13. Jahrhundert wurde das Gebiet Lettlands nach und nach von den Kreuzrittern erobert, die im Drang nach neuem Land, das Christentum einführen wollten. An längsten leisteten die Kuren und Semgallen den Rittern Widerstand, aber seit dem Ende des 13. Jahrhunderts ergriffen die Deutschen die Macht und errichteten Steinburgen (ein großartiger Beispiel dafür ist die eindrucksvolle Burg  Turaidas), um die herum sich die Städte herausbildeten. In den eroberten Gebieten entstand ein Staatenbund – die Livländische Konföderation, die bis Mitte des 16. Jahrhunderts existierte, bis die Armee des russischen Zaren Iwan des Schrecklichen sowie schwedische und dänische Truppen einfielen. Das lettische Land fiel nach diesem Krieg unter polnisch-litauische Herrschaft.  

Mit dessen Zustimmung schufen die kurländischen Adligen im Kurland und Semgallen einen neuen Staat – das Herzogtum Kurland (1558–1582), das in recht kurzer Zeit zu einem modernen europäischen Staat wurde. Es wurden Manufakturen, die Metallverarbeitung und die Waffenherstellung sowie der Schiffbau gefördert und weltweite Handelsbeziehungen aufgebaut. Der Herzog Jakob Kettler machte das Herzogtum Kurland zu einem Kolonialstaat mit drei Kolonien – Gambia in Afrika, Tobago in Zentralamerika und das Eisenbergwerk Eidsvoll in Norwegen. Die Residenzstadt des Herzogtums Kurland war Jelgava (Mitau). In dieser Zeit wurden die einzigartige Herzogsresidenz, ein Projekt des italienischen Architekten Rastrelli (dieser erbaute ebenfalls den Winterpalast in St. Petersburg), das Schloss Jelgava, wo sich nach der französischen Revolution mit seinem Hof der König von Frankreich Ludwig XVIII. aufhielt und wo immer noch die Gruft der kurländischen Herzöge zu besichtigen ist, sowie das Schloss Rundale, eine echte Perle der Rokoko- und Barockarchitektur, gebaut.

Das Jahr 1600 begann auf dem lettischen Gebiet mit Krieg, Hunger und der Pest. Im schwedisch-polnischen Krieg fielen Riga und das Livland nach einem langen und zerstörerischem 21-jährigen Krieg an die Schweden. Nach den Kriegsschrecken bezeichneten die Einwohner diese Zeit als „die guten schwedischen Zeiten”. Riga wurde zur größten Stadt Schwedens und stellte sogar Stockholm in den Schatten!

Leider dauerte der Frieden nicht lange und nach knapp 100 Jahren wurden das reiche Riga und Lettland sowohl von den Polen als auch von den Russen begehrt. Es begann der Nordische Krieg und 1701 nahm an der Schlacht in Riga auf den Wiesen Spilves selbst der König von Schweden Karl XII. teil, der im Eifer des Kampfes einen Stiefel verlor. Die Schweden gewannen, jedoch ahnten sie nicht, dass sie neun Jahre später vor dem jungen russischen Zaren Peter I. kapitulieren mussten. Dieser öffnete durch Lettland und Riga für Russland nicht nur das Fenster nach Europa und verwüstete Livland vollständig, sondern nahm auch eine Lettin zur Frau – Katharina I. war die Tochter des Kindermädchens Martha Skwaronska und des livländischen Pastors Glück. Unter anderem, sind in Riga (Palasta iela 9) und in Liepaja (Kungu iela) immer noch die Gebäude erhalten geblieben, die Peter I. bewohnte.

Im 18. Jahrhundert wurde das gesamte Gebiet Lettlands stufenweise in das Russische Imperium eingegliedert. Im 19. Jahrhundert und am Anfang des 20. Jahrhunderts wurde  Riga zu einem der größten Industriezentren Russlands. Davon zeugt zum Beispiel die Tatsache, dass das erste Auto im Russischen Imperium gerade in Riga, in der Fabrik „Russo-Balt” gebaut wurde. Spuren finden Sie im Automuseum in Riga. Diese Blüte wurde durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. 1915 nahm die deutsche Armee Livland ein, die Frontlinie zog sich für zwei Jahre entlang der Daugava. Die Letten setzten die Ausbildung eines Bataillons der Lettischen Schützen durch, über deren Heldenmut während der Weihnachtskämpfe (die Kampforte sind in Ložmetējkalns in Tīreļpurvs zu besichtigen) berichteten die Zeitungen weltweit. Erst 1917 gelang es der deutschen Armee Riga zu erobern, aber der lange Krieg hatte beide Konfliktparteien ermüdet – am 11. November 1918 wurde das Ende des Krieges erklärt, jedoch war damit der Krieg in Lettland noch nicht zu Ende.

Die historische Situation nutzend wurde Lettland am 18. November 1918 zu einem unabhängigen, demokratischen Staat erklärt. Nicht alle waren damit zufrieden, deshalb ergriff das neue Sowjetrussland bereits im Dezember 1918 mit Hilfe der Armee die Macht in Lettland und führte den sogenannten „Roten Terror” durch, infolge dessen innerhalb ein paar Monaten 5000 Menschen getötet wurden. Im März 1919 begannen die Freiheitskämpfe gegen die Bolschewiken, die in April durch einen Staatsstreich eines Verbündeten der provisorischen Regierung, von der Goltz eingestellt wurden. Von der Goltz träumte von einem Herzogtum des deutschen Adels. Um dies zu verwirklichen, begann in Lettland der „Weiße Terror”. In den Kämpfen bei Cesis gelang es im Juni 1919 vereinigten lettischen und estnischen Truppen die Goltz-Armee zu schlagen und die provisorische Regierung konnte sich in einem befreiten Gebiet festsetzen. Von der Goltz jedoch gab seine Pläne nicht auf, er

fand einen Alliierten – den Befehlshaber Bermondt – und führte am 08. Oktober 1919 mit der neugebildeten Bermondt-Armee den Angriff auf Riga aus. Am 11. November zwangen Schützen aus ganz Lettland die Bermondter zum Rückzug aus Riga, aber die Kämpfe zur Befreiung Lettgallens von den Bolschewiken dauerten an. Der Krieg war in Lettland erst 1920 zu Ende, er hatte 5 Jahre gedauert. Im Filmstudio „Cinevilla” können Sie sich das Ausmaß des Krieges und das Leben in dieser Zeit ansehen. Ebenso bietet das Kriegsmuseum ausführliche Informationen zu den lettischen Schützen. Hier können Sie alte Uniformen anprobieren, die Geschichten des Ersten Weltkrieges anhören sowie eine echte Mahlzeit der lettischen Soldaten – schwarzes Roggenbrot probieren!

Der lettische Staat erlebte eine rasche wirtschaftliche Blüte, es erfolgte eine Bodenreform und Reprivatisierung der Unternehmen. Leider geriet Lettland schon nach knapp 20 Jahren wieder in die Einflusssphäre der Großmächte. Am 23 August 1939 unterzeichneten das Deutsche Reich und die Sowjetunion den Molotow-Ribbentrop-Pakt mit einem geheimen Zusatzprotokoll, mit dem Lettland, Litauen, Estland und Finnland in das sowjetische Interessengebiet fielen. Die Sowjetunion begann sofort damit Maßnahmen zu ergreifen – bereits im Oktober wurden in Lettland Militärstützpunkte der Roten Armee eingerichtet und ca. 60 000 Deutsch-Balten verließen den Staat. Am 17. Juni 1940 wurde die Republik Lettland von der Roten Armee besetzt. Es wurde entschieden Lettland in die Sowjetunion aufzunehmen und am 14. Juni 1941 erfolgte die erste Massendeportation von ca. 20 000 Menschen in die entfernteren Regionen Russlands.

Am 22 Juni 1941 fielen die deutschen Truppen in die Sowjetunion ein und Lettland geriet unter deutsche Besatzung. In dieser Zeit erfolgte die Vernichtung der lettischen Juden und Zigeuner sowie die Bildung der lettischen Legion, lettische Bürger wurden in die faschistische deutsche Armee einberufen und waren gezwungen auf der deutschen Seite zu kämpfen. Auch auf sowjetischer Seite kämpften tausende von Letten. Sie hätten lieber für ein unabhängiges Lettland gegen beide Großmächte gekämpft, jedoch waren sie gezwungen in den Armeen  anderer Staaten gegeneinander zu kämpfen – Bruder gegen Bruder, Sohn gegen Vater. Im Oktober 1944 wurde Riga von den russischen Truppen besetzt. Jedoch konnte die sowjetische Armee bis zum Ende des Krieges nicht das westliche Kurland besetzen. Nach dem Ende des Krieges fiel Lettland wieder unter sowjetische Macht.   

Es wurden Kolchosen errichtet. Zur Förderung der Kolchosen und zur Brechung des Widerstands deportierte die Sowjetmacht am 25. März 1949 ca. 43 000 Menschen aus Lettland nach Sibirien. Als Ersatz wurden Menschen aus ganz Russland nach Lettland gebracht ‒ das war der Anfang einer schrittweisen Russifizierung. Lettland ist für die Liebhaber des Militärtourismus ein echtes Paradies, da es in Lettland ein bedeutendes Erbe aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gibt sowie die sowjetischen Militärstützpunkte erhalten geblieben sind, z. B. das Radioteleskop in Irbene, eines der größten in Nordeuropa, oder auch Raketenschächte.

In den 80-ern begann das sowjetische Staatsoberhaupt Gorbatschow mit der Politik von „Perestrojka” und „Glasnost”, um den wirtschaftlichen Zusammenbruch der Sowjetunion zu verhindern. Das förderte die Bewegung des nationalen Erwachens in Lettland, deren Ziel die Wiederherstellung der Unabhängigkeit war. 1988 wurde die Volksfront Lettlands gegründet, die die Wahlen zum Obersten Sowjet der Lettischen SSR in 1990 gewann und am 4. Mai die Deklaration über die Wiederherstellung des unabhängigen Lettlands verabschiedete. Jedoch wollte die Sowjetmacht nicht so einfach aufgeben – 1991 begann die Zeit der Barrikaden – Menschen aus ganz Lettland kamen nach Riga, um Objekte von nationaler Bedeutung zu schützen. Das war die Zeit der nationalen Einheit, auch als die Singende Revolution bezeichnet. Lettland und die anderen baltischen Staaten kämpften durch friedlichen Widerstand, wie dem Baltischen Weg ‒ als die Einwohner der drei Baltischen Staaten eine Menschenkette von Tallinn über Riga bis nach Vilnius bildeten, für ihre Unabhängigkeit. Als nach dem Scheitern des „August-Putsches” 1991 die Macht in Russland von demokratischen Kräften übernommen wurde, erklärte der Oberste Sowjet der Republik Lettland einen unabhängigen Staat. Seit der Wiederherstellung seiner Unabhängigkeit wurde Lettland Mitglied der NATO und der Europäischen Union.

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Zuletzt aktualisiert: 
11.11.2014