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Lettische Theater

Die Letten lieben das Theater. Sie lieben es, nicht nur zuzusehen, sondern auch selber zu spielen. Entweder in einem Volkstheater, das es fast in jeder größeren Gemeinde gibt, oder wenigstens in einer Aufführung mit Arbeitskollegen oder zu Weihnachten. Jedoch ist ein „echtes Theaterstück” für die Letten immer noch ein Fest und berühmte Schauspieler die Helden, deren Leben auf und hinter der Bühne fasziniert verfolgt wird.

Auch der Begriff „Regisseur” hat für einen Letten eine besondere Bedeutung. Die Meinung eines Theaterdirektors war für das Volk früher mehr wert als die Meinung eines Politikers. Diese Theater-Tradition, in der die Persönlichkeit des Regisseurs eine große Rolle spielte, wurzelt in der sogenannten „russischen Schule”, die noch immer lebendig ist. Von den Deutschen hat das lettische Theater die Liebe zum Lustspiel übernommen. Dies sind Aufführungen mit amüsanten Missverständnissen, mit Liebesqual, dem Veralbern von Menschen, Gesang und natürlich einem glücklichen Ende.

In die europäische Kulturgeschichte ist das lettische Theater mit dem Namen der Dichterin Aspazija eingegangen. Ihre Dramen – „Verlorenes Recht” („Zaudētās tiesības”) und „Vaidelote” gehören zu den ersten Manifesten der Frauenrechte und des freien Willens. Die Tatsache, dass ein von einer Frau geschaffenes Drama großen Erfolg haben kann, war ein Phänomen in der damaligen Zeit. Das heutige Lettland kennzeichnen das Neue Rigaer Theater (Rīgas Jaunais teātris), das dank dem künstlerischen Leiter und Regisseur Alvis Hermanis bei vielen prestigereichen europäischen Theaterfestivals ausgezeichnet wurde. Die von ihm einstudierten Aufführungen sind immer ein Kulturereignis mit einem Nachklang nicht nur in der Heimat, wo die Theaterkarten blitzschnell ausverkauft sind, sondern auch in Europa. Für die im Moskauer Theater der Nationen einstudierten „Schukschins Geschichten” hat Alvis Hermanis „Die goldene Maske” bekommen, die höchste russische Auszeichnung für Theaterkunst. Hermanis nimmt an verschiedenen internationalen Theater-Kunstprojekten teil. In Wien hat er z. B. die Aufführung „Die Söhne” inszeniert, die schon in Zürich Erfolg gehabt hat. Der Erfolg von Alvis Hermanis und vom Neuen Rigaer Theater liegt in der allgemeinmenschlichen dramaturgischen Methode, die von Beobachtung und Sinnlichkeit inspiriert wird. Die meisterhafte Körpersprache der Schauspieler ist besser verständlich als Worte.

Das Rigaer russische Michael-Tschechow-Dramatheater wird im Jahr 2010 seine 128. Saison in einem eben rekonstruierten historischen Gebäude eröffnen, das als das modernste nordeuropäische Theater anerkannt wurde. Das Rigaer Russische Dramatheater ist die älteste, professionelle russische Theatertruppe außerhalb von Russland. Ihre hochwertigen Aufführungen wurden sowohl von dem erfahrenen Moskauer Publikum, als auch von den Zuschauern anderer russischen Städte mit Begeisterung aufgenommen. Diese geben zu, dass sie sich eben von dem baltischen Charme verzaubert fühlen.

In Lettland gibt es mehrere professionelle Theaterensembles. Theater mit einem gut durchdachten Repertoire und einer talentierten Schauspielertruppe  gibt es nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in den drei größten Städten - in Daugavpils (da gibt es auch eine russische Truppe), in Liepāja und in Valmiera. Gerade die Neuaufführungen und die Schauspieler der dramatischen Theater, die außerhalb von Riga tätig sind, erhalten oft die höchste Auszeichnung der lettischen nationalen Theaterkunst, den Preis „Spēlmaņu nakts” (wörtlich: Spielmanns Nacht).

Der Herbst beginnt in Lettland nicht nur mit Eröffnungsaufführungen in den vielen Theatern, sondern auch mit dem internationalen Festival des zeitgenössischen Theaters „Homo Novus”. Dieses überrascht jedes Jahr die Zuschauer und Experten sowohl mit neuen Theaterkonzepten als auch mit neuen Trends und Richtungen.