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Russisch-orthodoxe Kirchen

Die ersten, die die Botschaft des christlichen Glaubens an die Einwohner von Lettland gebracht haben, waren die Missionare von Polozk. Die orthodoxen Gotteshäuser standen in Jersika und Koknese schon vor den im 12. Jahrhundert zum Schutz der deutschen Ordensbrüder gebauten Burgen. Durch die Jahrhunderte hindurch überlebte die russisch-orthodoxe Kirche von Lettland, erneuerte ihre Gotteshäuser und baute neue, von denen viele genau durch ihre Einfachheit oder Pracht überraschen.

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Tiefe Wurzeln

Die russische-orthodoxe Kirche in Lettland ist unabhängig in all ihren Lebensbereichen – sowohl auf der politischen, öffentlichen, wirtschaftlichen als auch auf der Bildungsebene. Mit der Mutter-Kirche, nämlich, der russische-orthodoxen Kirche in Russland hat sie nur die geistige und kanonische Verbindung. Sie verfügt über eigene Statuten und hat einen eigenen Bischof Alexander als Oberhirten der russisch-orthodoxen Kirche von Lettland, als auch gewählte Synode der russisch-orthodoxen Kirche von Lettland.

In Lettland gibt es zwei Klöster – das Sergius-Frauenkloster der Heiligen Dreifaltigkeit von Riga mit einer Filiale in Valgunde, im Gebiet von Jelgava, und der Männerkloster des Heiligen Geistes in Jēkabpils. Es werden Renovierungsarbeiten bei den grössten russisch-orthodoxen Kathedralen in  Rīga, in Jelgava und in Liepāja fortgesetzt, vollständig erneuert sind die Kirchen lettischen Gemeinden in Ainaži (Vidzeme) und in Kolka (Kurzeme), es wurden Gotteshäuser in Seda, Valka, Ogre und in Salaspils eingerichtet.

Der russisch-orthodoxe Glaube hat in Lettland tiefe Wurzeln. Das ist eine der drei grössten Konfessionen in Lettland, dessen Gotteshäuser – grosse und prachtvolle Kirchen im Stadtzentrum mit den traditionellen Zwiebelkuppeln oder gar umgekehrt - kleine, liebevolle Holzbauten mit Holzverzierungen in der stillen Landumgebung – ein unabdingbarer Teil der Kulturlandschaft sind. Die frühen Wurzeln der Orthodoxie werden in diesem Land auch mit Hilfe der in der lettischen und russischen Sprache inhaltlich und phonetisch ähnlichen Wörtern erklärt, zum Beispiel, svēts (heilig), baznīca (Kirche), grāmata (Buch), gavēni (Fastenzeit), krusts (Kruzifix). Abhängig von der herrschenden Regierung hat die russisch-orthodoxe Kirche in Lettland sowohl Blütezeit, als auch Ablehnung und sogar Repressalien erlebt. Obwohl in Latgale die Orthodoxie schon immer eine der stärksten und mehrheitlichen Konfessionen gewesen ist, erlebte sie eine besondere Blütezeit auf dem gesamten Territorium von Lettland in der Zeit, als Lettland Teil des Russischen Imperiums war. Für den Bau, die Einrichtung und Dekoration der Gotteshäuser, als auch für das Auskaufen der beiliegenden Grundstücke haben die Mittel sowohl die reichen Gemeindemitglieder, als auch Mäzene und die Staatskasse gespendet. Doch die Geschichte verbirgt auch tragische Ereignisse, als Gotteshäuser absichtlich zerstört, demoliert, ausgeraubt und abgebrannt wurden, die Geistlichen wegen ihres Glaubens gejagt, gefoltert und umgebracht wurden.

Die russisch-orthodoxen Kirche im modernen Lettland sorgt für ... ein doppeltes Fest. Wie allgemein bekannt ist, feiert die russisch-orthodoxe Kirche ihre religiösen Feste nach dem alten Stil bzw. nach dem Julianischen Kalender, nämlich zwei Wochen später als die Christen im Westen. Darum kann man in Lettland zweimal Weihnachtsfest, zweimal Neujahrsfest, zweimal Osternfest erleben und wenn man den Wunsch hat, auch viel länger Fastenzeit einhalten.

Die eindrucksvollsten Gotteshäuser

Das eindrucksvollste Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche in Lettland ist die Kathedrale der Christi-Geburt in Rīga, die sich im Zentrum der Stadt auf dem Platz Esplanāde und gegenüber dem Gebäude des Ministerkabinetts befindet. Die Kathedrale wurde in den Jahren 1876 bis 1884 nach dem Entwurf von R. Pflug (lettisch: R. Pflūgs) im neubyzantinischen Stil gebaut. Dies war das erste Gebäude auf dem Platz Esplanāde. Während dem Bau des Gebäudes wurde das Projekt mehrmals geändert, weil der Architekt das Gebäude mit der Turmglocke ergänzen musste – der für die vom Zaren Aleksander II geschenkten in Moskau gegossenen 12 Glocken vorgesehen war. Die Kathedrale wird von fünf Kuppeln mit goldenen Rippen und Kreuzen abgeschlossen. Der Ikonostas wurde von den Professoren der Kunstakademie St. Petersburg gemalt. Während der Sowjetzeit von 1964 bis 1990 befand sich hier das „Haus des Wissens” und ein Planetarium, als auch eines zur damaligen Zeit populärsten Cafés "Dieva auss" (dt. „Ohr Gottes”), wo immer Künstler, Musiker, Dichter und andere "anders denkende" anzutreffen waren.

Heutzutage ist die Kathedrale der Christi-Geburt sehr eng mit der berühmten Wundertäter-Ikone der Muttergottes von Tichwin, die der Apostel und Evangelist Lukas geschaffen hatte. Bis zum Zweiten Weltkrieg befanden sich die Ikone im Kloster von Tichwin in Russland. Die deutschen Truppen haben diese jedoch mitgenommen, um diese während der Gottesdienste in den okkupierten Gebieten für die orthodox Gläubigen zu verwenden und somit Sympathien bei den Einheimischen zu gewinnen. Auf diese Art und Weise gelangte die Ikone des Wundertäters zum damaligen Bischof der russisch-orthodoxen Geburt-Christi-Kirche von Riga Jānis Garklāvs, der sie bei der Flucht mitgenommen hatte. Zusammen mit Garklāvs ist die Idone durch die ganze Welt gereist, bis in die USA. Garklāvs wünschte sich, dass die Ikone wieder nach Tichwin kommt. Sein Schützling, der Vizepriester der Kathedrale von Chicago Sergejs Garklāvs hat sich darum gekümmert und von ihm ist dann die Ikone mit Hilfe eines lettischen Unternehmers namens Kārlis Zariņš wieder nach Riga gelangt und weiter zurück nach Tichwin.

In Riga gibt es noch eins, eigentlich noch zwei besondere Gotteshäuser der russisch-orthodoxen Kirche. Die Kirche der Allerheiligen Mutter-Gottes, die sich in der Strasse Gogoļa iela am Anfang des Stadtteiles Maskavas forštate befindet. Die Kirche hat einen zweiten Namen - die Kirche des St. Nikolai des Wundertäters. Das ist eine der ältesten Kirchen von Riga (in den Dokumenten schon im 15. Jh. erwähnt). In Wirklichkeit sind das zwei mit einer Holzwand und Glastüren getrennte Kirchen, die nach dem Entwurf des Architekten T.G. Schulz (lettisch: T.G. Šulca) im Jahr 1818 in eine Kirche zusammengebaut wurden. Seit dieser Zeit wurden die Kirchen nicht mehr umgebaut.

Aus den Ruinen neu entstanden

Dramatisch gestaltete sich das Schicksal der russisch-orthodoxen Kathedrale des Hl. Simeon und der St. Annakirche in Jelgava. Die äusserlich prachtvollen Gebäude wurden im dritten Viertel des 18. Jahrhunderts nach dem Entwurf des berühmten Architekten B.F. Rastrelli gebaut. Später in den Jahren 1890 bis 1892 wurde sie aus den finanziellen Mitteln des Zaren Alexander III umgebaut. Während des 2. Weltkrieges hat die Kathedrale schwer gelitten. Die Ruinen standen bis zum Beginn der 80er Jahre des 20. Jhr., als es vorgesehen war, diese abzureissen. Im letzten Augenblick wurde dieser Beschluss aufgehoben und neben dem architektonischen Stolz des Herzogtums von Kurland „Academia Petrina” erhebt sich heutzutage die stolze, weisse Kathedrale mit himmelblauen Kuppeln.

Noch eine kleine Geschichte über die Wiederauferstehung aus der Asche – in Liepāja, im Stadtteil Karosta (dt. Kriegshafen), im grössten militärischen Gebiet des Russischen Imperiums im Baltikum. Hier befand sich der erste Stutzpunkt der U-Boote des zaristischen Russlands. Mit ihren goldenen Zwiebelkuppeln überrascht jeden die russisch-orthodoxe St. Nikolai-Kathedrale, in der während der Sowjetzeit ein Sportsaal für die Armee eingerichtet wurde. Die Architekten des Entwurfes der Kathedrale stammen aus St. Petersburg. Die Kathedrale verfügt über eine einzigartige Konstruktion – sie hat keine Säulen. Die gesamte grosse Masse der fünf Kuppeln tragen vier verkreuzte Arkengewölbe. Das Gotteshaus wurde 1903 zu Ehren des Schutzpatronen der Seeleute, des Heiligen Nikolai des Wundertäters eingeweiht. An der festlichen Zeremonie nahmen der russische Imperator, seine Familienmitglieder und Regierungsmitglieder teil.

Auf dem Floss in der Daugava

Die russisch-orthodoxe Kirche in Lettland besitzt nicht nur prächtige Kathedralen. Zur Gottesdiensten versammelt sich viele Gläubige auch in kleinen Kirchen, z.B. in der St. Peter-Paulus-Kirche in Ķemeri, die 1893 aus Holz gebaut wurde und eine reichlich dekorierte in Holz geschnitzte Fassade besitzt. Das ist die älteste Kirche in Ķemeri, die laut Legende ohne eine einzige Nagel gebaut wurde. Ein einzigartiges Gebäude ist eine kleine Kirche auf der rechten Seite der Haupstrasse Riga–Daugavpils nach der Ortschaft Līvāni. Das ist die russisch-orthodoxe Kirche von Jersika, die aus zerlegbaren Konstruktionen gebaut ist, die ursprünglich in Odessa am Anfang des 19. Jahrhunderts angefertigt wurden. Zuerst befand sich diese Kirche in Daugavpils, später wurde sie auf einem Floss in der Daugava zur ihrem heutigen Platz gebracht.

Zuletzt aktualisiert: 
15.07.2014